Die Schöpfung

eine neuzeitliche Interpretation


Einst sagte sich Gott der Herr: "Ich könnte wieder einmal etwas Neues versuchen!" So erschuf er den Menschen, und dieser war das erste und einzige Wesen, das ihn tatsächlich herausforderte. Es hatte eine lange Zeit gebraucht, bis der Mensch entstanden war. Erst einmal musste Gott nämlich seinen Lebensraum schaffen: Das Universum, unser Sonnensystem, das erste Leben auf der Erde. Endlich war es soweit und die ersten Menschen standen auf dem Erdball. Gott meinte es gut mit ihnen, wollte für sie sorgen und es ihnen an nichts mangeln lassen. Er sah sich für ihr Wohlbefinden verantwortlich.

Was ihm besonders gefiel, war, dass die Menschen einen eigenen Willen zu entwickeln schienen. Bald merkte er, dass er sie nicht länger nur bevormunden konnte. Also pflanzte er symbolisch einen neuen Baum in den Garten Eden und sprach zu den ersten Menschen: "Bisher habe ich euch alles gegeben, was ihr für ein gutes Leben braucht. Doch lasst euch sagen, wahrlich nicht alles um euch herum, was angenehm zu sein anmutet, muss eurem Wohlbefinden zuträglich sein. Seht den neuen Baum, den ich gepflanzt habe. Er trägt wunderschöne Früchte. Doch hütet euch, davon zu essen. Es würde euch große Schmerzen bereiten und ihr würdet das Gefühl haben, eurem eigenen Ende nahe zu sein."

Die Menschen taten, was Gott der Herr ihnen geraten hatte, und hielten sich von dem Baum fern. Doch sie sollten die Versuchung kennenlernen. Eva, die die Frau an Adams Seite war, beobachtete eines Tages wieder einmal die Tiere. So erregte auch eine Schlange ihre Aufmerksamkeit, die sich ohne Sorge um den Baum und die Früchte schlängelte, von denen Gott der Herr ihnen abgeraten hatte. Eva sah, dass die Schlange sich wohl fühlte und keine Spur der Abscheu vor den Früchten zeigte. Diese sahen ja auch nur zu gut aus. Sie mochte gar nicht länger nur hinsehen. Wie konnte etwas, das so verlockend und schmackhaft aussah, denn schlecht sein? Eva haderte mit sich selbst, da sie Gott dem Herrn ihr Vertrauen schenkte, doch letztlich wagte sie den Schritt und pflückte eine der Früchte, die, wie sich herausstellte, köstlich schmeckten.

So nahm sie noch ein paar Früchte auf, lief strahlend zu Adam, ihrem Mann, und sagte: "Hier, probier mal!" - "Aber sind das nicht..." wollte Adam ihre Begeisterung bremsen. "Ja, die Früchte von dem neuen Baum. Sie sind wirklich köstlich. So etwas hast du noch nicht erlebt! Du musst sie probieren!" "Also gut," sprach Adam, denn er vertraute Eva, und er biss herzhaft in eine der neuen Früchte, die sie ihm mitgebracht hatte. Auch er war sofort begeistert und wunderte sich noch, warum Gott der Herr sie gewarnt hatte.

Doch die Einsicht kam am Abend. Adam und Eva lagen mit Bauchschmerzen im Paradies, wie man die Welt damals noch nannte. "Du, Adam," jammerte Eva, "ich glaube, Gott der Herr hat uns zu Recht gewarnt. Nun werden wir nicht mehr lange leben." "Ich weiß," jammerte auch Adam. Und die beiden schämten sich, dass sie nicht auf Gottes Rat gehört hatten. Doch sie wunderten sich auch, dass ihr Instinkt, der ihnen bisher zeigte, was gut und was schlecht war, sie nun einmal getäuscht hatte.

Am nächsten Morgen trat Gott der Herr zu ihnen. Sie versuchten sich zu verstecken, da sie wussten, dass es für ihr Handeln keine Rechtfertigung gab, doch Gott der Herr fand sie und sprach: "Ich habe gesehen, dass ihr von den verbotenen Früchten gegessen habt. Nun schämt ihr euch, weil das, was ich euch vorhergesagt habe, eingetreten ist. Ich werde euch nicht bestrafen, denn das habe ich noch nie getan. Euer Leid habt ihr euch selbst zugefügt. Die neuen Früchte haben euch Weisheit und Einsicht gelehrt, damit müsst ihr nun lernen umzugehen. Doch ich werde euch nicht länger vorschreiben, was ihr zu tun habt. Ab nun liegt die Zukunft der Erde in euren Händen. Macht sie euch untertan und passt gut auf sie auf."

Mit diesen Worten zog Gott der Herr sich zurück. Es wird erzählt, dass er die Menschen noch oft besuchte und ihnen den Weg zu einem glücklichen Leben zu weisen versuchte. Sein Wort wurde von Generation zu Generation weitergegeben, und viele Geschichten sind uns bis heute erhalten geblieben. Sicher haben sich einige Geschichten auf diesem Weg über die Generationen hinweg verändert, besonders zu den Zeiten, als niemand des Schreibens kundig war, oder als man Naturgesetzen noch keine Beachtung schenkte. Was uns jedoch geblieben ist, ist der Glaube an Gott, den Gutmütigen, den Herrn und Schöpfer, der schon unser ganzes Leben lang als ein Freund an unserer Seite steht und nicht von uns lassen wird, egal wie es uns geht.


Von Manuel H.



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