Geschichte der irischen Sprache (Gaeilge)

Wer heute das Wort Gaeilge hört, denkt leicht an eine kleine Sprache am westlichen Rand Europas. Sprachgeschichtlich ist das Bild jedoch größer: Irisch gehört zu den ältesten schriftlich bezeugten Volkssprachen Europas und besitzt eine außergewöhnlich lange literarische Überlieferung. Es gehört zum keltischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie, genauer zu den goidelischen oder gälischen Sprachen. Seine nächsten Verwandten sind Schottisch-Gälisch und Manx; etwas weiter entfernt stehen Walisisch, Bretonisch und Kornisch.

Die Anfänge – bevor Irisch geschrieben wurde

Wann eine keltische Sprachform nach Irland gelangte, lässt sich nicht sicher bestimmen. Jahrhunderte lang wurde sie nur mündlich weitergegeben. Die frühesten direkten Zeugnisse stammen ungefähr aus dem 4. bis 6. Jahrhundert n. Chr.: die berühmten Ogham-Inschriften. Ogham besteht aus Gruppen von Strichen und Kerben, die meist an den Kanten hoher Steine angebracht wurden. Viele nennen Personennamen, oft in genealogischer Form. Die darin erkennbare Sprachstufe nennt man Primitive Irish, „Ur- oder Frühirisch“. Die Ogham-Steine sind gewissermaßen versteinerte Momentaufnahmen einer sonst nur gesprochenen Sprache.

Altirisch – eine Sprache wird Literatur

Mit der Christianisierung Irlands seit dem 5. Jahrhundert kam das lateinische Alphabet auf die Insel. Bemerkenswert ist, dass die Gelehrten ihre eigene Sprache nicht einfach zugunsten des Lateins aufgaben. Sie begannen, auch Irisch aufzuschreiben. Zwischen etwa 600 und 900 begegnet uns das Altirische – Old Irish –, eine der frühesten umfangreich überlieferten Volkssprachen des mittelalterlichen Europas.

Altirisch findet sich häufig in Randbemerkungen zu lateinischen Handschriften; irische Gelehrte hinterließen solche Glossen sogar auf dem europäischen Festland. Daneben wurden Gedichte, Rechtsvorschriften, Genealogien und Erzählstoffe aufgezeichnet, darunter die Überlieferungswelt um Cú Chulainn.

Sprachlich war Altirisch sehr formenreich. Substantive wurden stark gebeugt, Verben konnten komplizierte Formen annehmen, und Veränderungen am Wortanfang spielten bereits eine große Rolle. Für einen heutigen Irischsprecher wäre Altirisch etwa so fremd wie Althochdeutsch für einen heutigen Deutschen.

Historische Karte der gälischen Welt

Mittelirisch und die gälische Welt

Zwischen ungefähr 900 und 1200 spricht man vom Mittelirischen. Alte Endungen verschwanden, grammatische Formen wandelten sich und die Sprache zeigte zunehmend Veränderungen gegenüber dem klassischen Altirisch. Zugleich blieb Irisch eine bedeutende Kultur- und Literatursprache.

Die gälische Sprachwelt reichte über Irland hinaus. Eng verwandte Sprachformen wurden in Westschottland und auf der Isle of Man gesprochen; daraus entwickelten sich später Irisch, Schottisch-Gälisch und Manx. Zwischen Irland und Schottland bestanden lange enge kulturelle Beziehungen.

Auch die normannische Eroberung ab 1169 bedeutete nicht das Ende des Irischen. Französisch und Englisch kamen als Sprachen neuer Herrschaftsschichten hinzu, doch viele anglonormannische Familien passten sich im Lauf der Zeit der gälischen Umgebung an und übernahmen sogar Irisch. Dass das Statut von Kilkenny von 1366 englischen Siedlern unter anderem irische Sprache und Gebräuche untersagen wollte, zeigt gerade, wie weit diese kulturelle Annäherung gegangen war.

Die klassische Sprache der Dichter

Vom 13. bis zum 17. Jahrhundert bestand neben den gesprochenen Dialekten eine hochentwickelte literarische Standardsprache, häufig Classical Gaelic oder klassisches Frühneuirisch genannt. Sie wurde von Dichtern, Historikern und gelehrten Schreiberfamilien in Irland und Teilen Schottlands verwendet. Die Bardenschulen verlangten eine lange Ausbildung; Dichtung folgte komplizierten Regeln von Silbenzahl, Reim und Klang. Die sprachgeschichtliche Forschung setzt diese klassische Periode ungefähr von 1200 bis 1650 an.

Dichter bewahrten Genealogien, Geschichte und das Ansehen großer Familien. So entstand eine erstaunlich einheitliche gelehrte Sprache, obwohl die Alltagssprache regional längst auseinanderlief.

Im 16. Jahrhundert erreichte auch der Buchdruck das Irische. 1571 erschien mit Aibidil Gaoidheilge agus Caiticiosma das erste gedruckte Buch in irischer Sprache; 1602 folgte eine irische Übersetzung des Neuen Testaments. Doch gerade in dieser Zeit geriet die gesellschaftliche Ordnung, welche die gelehrte gälische Kultur getragen hatte, ins Wanken.

Irische Burgruine als Symbol für Eroberung und Sprachwechsel

Eroberung und Sprachwechsel

Die entscheidende Wende kam im 16. und 17. Jahrhundert mit der immer stärkeren englischen Kontrolle über Irland. Tudor-Eroberung, Plantations und die Niederlage der alten gälischen Herrscherhäuser veränderten das Land tiefgreifend. Mit der „Flight of the Earls“ von 1607, der Flucht bedeutender gälischer Adliger aus Ulster, verlor die traditionelle gälische Oberschicht weiter an Bedeutung. Damit verschwanden auch viele Förderer von Dichtern, Chronisten und Gelehrten.

Irisch verschwand jedoch keineswegs plötzlich. Noch lange blieb es für große Teile der Bevölkerung Alltagssprache. Aber Englisch wurde zunehmend zur Sprache von Verwaltung, Recht, Bildung, wirtschaftlichem Aufstieg und politischer Macht. Der Sprachwechsel war deshalb nicht einfach die Folge eines einzigen Verbots, sondern ein langer Prozess aus Machtverschiebung, wirtschaftlichen Veränderungen, sozialem Druck und veränderten Lebensmöglichkeiten.

Im 18. Jahrhundert lebte eine reiche irischsprachige Volkskultur weiter. Im 19. Jahrhundert beschleunigte sich der Rückgang: Das staatliche Schulsystem arbeitete weitgehend auf Englisch, das für Beruf, gesellschaftlichen Aufstieg und Auswanderung immer wichtiger wurde.

Besonders schwer wirkte die Große Hungersnot von 1845 bis 1852. Hunger, Krankheit und Massenauswanderung trafen viele westliche und südwestliche Gebiete, in denen Irisch noch besonders stark war. Gerade Bevölkerungsgruppen, die die Sprache selbstverständlich an ihre Kinder weitergaben, wurden stark dezimiert oder verließen das Land. Der ohnehin fortschreitende Sprachwechsel beschleunigte sich dadurch erheblich.

Die Wiederentdeckung des Irischen

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine kulturelle Erneuerungsbewegung ein. Sprache, Literatur und alte Überlieferungen wurden neu entdeckt. Im Juli 1893 gründeten unter anderem Douglas Hyde und Eoin MacNeill die Conradh na Gaeilge – Gaelic League. Sie wollte Irisch nicht nur als Sprache alter Handschriften bewahren, sondern wieder als lebendige Sprache fördern.

Damit begann ein neues Kapitel. Gaeilge wurde zu einem wichtigen Symbol kultureller Eigenständigkeit und spielte später auch beim Aufbau des unabhängigen irischen Staates eine bedeutende Rolle.

Die Geschichte des Irischen ist deshalb keine einfache Geschichte von „Aufstieg und Niedergang“. Sie erzählt von erstaunlicher Kontinuität: von Ogham-Steinen über Klosterhandschriften und die Sprache der Barden bis zu Familien, die Gaeilge über Generationen weitergaben. Zugleich zeigt sie, wie eng das Schicksal einer Sprache mit Macht, Bildung und den Lebensbedingungen ihrer Sprecher verbunden ist.

Vielleicht liegt gerade darin das Faszinierende an Gaeilge: Es ist nicht die künstlich wiederentdeckte Sprache einer fernen Vergangenheit. Zwischen den eingeritzten Namen auf den Ogham-Steinen und dem Irischen späterer Jahrhunderte liegt eine fast anderthalb Jahrtausende lange, niemals völlig abgerissene Sprachgeschichte. Nur die Welt um diese Sprache herum hat sich immer wieder grundlegend verändert.

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