Wer sich längere Zeit mit Gaeilge und Gàidhlig beschäftigt, begegnet irgendwann einer merkwürdigen Erfahrung: Die Sprache scheint manchmal älter zu sein als die Welt, die sie beschreibt. Namen von Bergen, Inseln, Tälern und Quellen klingen, als hätten sie eine Geschichte zu erzählen, die weit vor unsere Erinnerung zurückreicht.
Und tatsächlich ist die gälische Überlieferung voller Wesen, die nicht recht zur Menschenwelt gehören.
In Irland erzählen alte Geschichten von den Aos Sí oder Daoine Sí, dem geheimnisvollen Volk der Hügel und der Anderswelt. Im schottischen Gälisch begegnen uns die daoine sìthe, das Feenvolk. Selbst Landschaftsnamen erinnern daran.
Historisch können wir darauf keine Antwort geben. Es gibt keine nachweisbare „Sprache der Feen“, kein erhaltenes Wörterbuch und keine Grammatik aus einer geheimnisvollen Anderswelt. Wenn Feen in den überlieferten Geschichten reden, tun sie das in der Sprache der Menschen, die diese Geschichten weitererzählten.
Und gerade hier beginnt die Dichtung.
Man könnte sich vorstellen, dass hinter den menschlichen Worten noch etwas anderes liegt: eine Sprache, die älter ist als Gaeilge und Gàidhlig, vielleicht sogar älter als die Ankunft der Menschen auf den Inseln.
Nennen wir sie Eldanar.
Eldanar wäre keine dritte historische gälische Sprache. Es wäre die Sprache der alten Feenwelt – eine Sprache aus jener mythischen Zeit, in der Wälder, Quellen und Berge noch Namen trugen, die kein Mensch ihnen gegeben hatte.
Vielleicht wurde Eldanar auch niemals so gesprochen, wie wir sprechen.
Vielleicht wurde es gesungen.
Eine menschliche Sprache muss vieles können. Man muss mit ihr ein Brot kaufen, nach dem Weg fragen, einen Vertrag schließen oder erzählen können, was gestern geschehen ist.
Eldanar müsste das vielleicht gar nicht.
Seine ältesten Worte könnten Namen sein: für Licht auf Wasser, für den Wind vor einem Gewitter, für die erste Sternennacht des Winters, für die Erinnerung an jemanden, der längst fortgegangen ist.
Andere Worte wären Segensworte. Wieder andere würden nur in Liedern vorkommen.
Vielleicht gäbe es sogar Wörter, deren Bedeutung niemand mehr genau kennt. Die Feen selbst könnten sie seit Jahrhunderten singen, weil schon ihre Großmütter und deren Großmütter sie gesungen haben.
So entsteht Alter in einer Sprache: Nicht jedes Wort wird erklärt.
Manches wird bewahrt.
Hier drängt sich natürlich ein anderer großer Sprachschöpfer auf: J. R. R. Tolkien. Als Sprachwissenschaftler erfand er für seine Elben nicht bloß einige geheimnisvoll klingende Wörter, sondern ganze miteinander verwandte Sprachwelten.
Die bekanntesten sind Quenya und Sindarin. Quenya besitzt in Tolkiens Welt den Charakter einer alten, feierlichen Hochsprache; Sindarin wurde zur weit verbreiteten Sprache der Elben Mittelerdes.
Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: Tolkiens Sprachen stammen nicht aus dem Irischen oder Schottisch-Gälischen. Quenya wurde klanglich und grammatisch besonders durch Finnisch sowie teilweise Latein und Griechisch angeregt. Beim Sindarin orientierte Tolkien den Klang dagegen bewusst stark am Walisischen, also an einer anderen keltischen Sprache.
Und doch entsteht beim Hören manchmal ein ähnlicher Eindruck: etwas Fließendes, Altes, Naturhaftes.
Ein paar einzelne Wörter zeigen, wie stark Tolkien Klang und Bedeutung miteinander verband:
Quenya
elen – Stern
alda – Baum
Sindarin
gil – Stern
galad – Licht, Glanz, Strahlen
mellon – Freund
Schon diese wenigen Worte erzählen etwas. Ein Stern, ein Baum, Licht, ein Freund – Dinge, die auch in einer alten Feensprache wichtig sein könnten.
Aber Eldanar sollte diese Wörter nicht übernehmen. Gerade dadurch würde es seine Eigenständigkeit verlieren.
Es darf vielmehr dasselbe tun, was Tolkien tat: Bedeutung durch Klang erahnen lassen.
Gaeilge und Gàidhlig könnten Eldanar eine gewisse Weichheit schenken: lange Vokale, fließende Übergänge, Konsonanten, die sich unter dem Einfluss benachbarter Laute verändern.
Von Quenya könnte man sich die feierliche Ruhe vorstellen.
Von Sindarin vielleicht das Fließende und Waldhafte.
Und doch müsste Eldanar am Ende nach Eldanar klingen.
Ein erfundenes Wort wie Evorim könnte etwas Helles und Weites in sich tragen.
Tal wirkt kurz und alt, beinahe wie ein Wort, das schon immer da war.
Und ifsor klingt fremd genug, um nicht sofort einer bekannten Sprache zugeordnet werden zu können.
So entsteht die Zeile:
Evorim tal ifsor.
Was bedeutet sie?
Vielleicht wissen wir es besser nicht ganz genau.
Man könnte erzählen, dass Menschen sie mit „Das Licht kehrt heim“ übersetzt haben. Andere glauben, sie bedeute „Wir erinnern uns an dich“. Wieder andere sagen, das sei Unsinn: Die drei Worte ließen sich überhaupt nicht in Menschensprache übertragen.
Die ältesten Feen lächeln nur, wenn man sie fragt.
Und wenn das Lied beginnt, singen sie die Worte trotzdem.
Spielen wir den Gedanken für einen Augenblick weiter.
Historisch wissen wir: Gaeilge und Gàidhlig entwickelten sich aus alten menschlichen Sprachen. Das ist Sprachwissenschaft.
Doch eine Sage darf eine andere Geschichte erzählen.
In ihr wären nicht die Feen diejenigen, die irgendwann Gälisch gelernt hätten.
Vielleicht hätten vielmehr die ersten Menschen, die an den westlichen Küsten Irlands lebten, manchmal nachts Gesang aus den Hügeln gehört.
Sie hätten nicht verstanden, was dort gesungen wurde.
Aber einzelne Klänge wären ihnen im Gedächtnis geblieben.
Ein Wort für den Wind. Ein anderes für das Meer. Eines für einen Stern.
Und Generationen später hätte niemand mehr gewusst, woher diese Laute gekommen waren.
Dann wäre Eldanar nicht aus dem Gälischen entstanden.
Das Gälische hätte vielmehr einige ferne Echos von Eldanar bewahrt.
Natürlich ist das keine Sprachgeschichte.
Es ist eine Geschichte über Sprache.
Aus Zeichen werden Worte, wird Gesang, wird Tanz, wird Klang, wird Musik....
Unsere Reise führte von den ersten irischen Sprachzeugnissen über Klöster und Barden, von Irland nach Schottland, durch Zeiten des Niedergangs bis zu Schulen, Fernsehen und jungen Menschen, die Gaeilge und Gàidhlig heute wieder lernen.
Das alles gehört zur wirklichen Geschichte.
Doch Sprachen bestehen nicht nur aus Grammatik, Wörterbüchern und Sprecherzahlen. In ihnen leben Erinnerungen, Landschaften und Vorstellungen weiter.
Gerade die gälischen Sprachen zeigen das besonders schön.
Vielleicht braucht es deshalb gar keine Antwort auf die Frage, ob es Eldanar jemals gegeben hat.
Historisch: nein.
In den alten Geschichten?
Wer weiß.
Vielleicht hört man an einem stillen Abend irgendwo zwischen Connemara und den Hebriden noch etwas davon – wenn der Wind über das Gras fährt, das Meer unten gegen die Felsen schlägt und aus einem Hügel für einen Augenblick ein Lied herüberweht.
Man versteht die Worte nicht.
Nur drei bleiben im Gedächtnis:
Evorim tal ifsor.
Und vielleicht ist das für eine Feensprache genau genug.