Goldberg (Gyldenbjerg)



Eine Geschichte von Saron

Habt ihr es schon gehört? Saron ist zurück!“ Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht im Wald und sogleich versammelten sich die Feen, Trolle und sogar einige der grünen Schrate an der großen Treppe, wo die kleine Fee Anna Lilja wohnt. Natürlich waren die Lilienfeen als erste da, denn sie sind die größten und können am schnellsten fliegen; es folgten die braun-gelben Haselfeen und die roten Kornblumenfeen, zuletzt erreichten auch alle anderen ihren Platz und ganz zum Schluss trafen noch einige Brombeerfeen ein. Denn das ist bei den Feen anders als bei den Menschen: es ist nicht so wichtig, wann man ankommt, es ist viel wichtiger, dass man ankommt, wo man hin möchte.
Als Saron oben an der Treppe erschien, verstummten alle ehrfürchtig und sahen ihn erwartungsvoll an. Und endlich begann er von seinen Reisen in die Nordländer zu erzählen von fremden Völkern und Wesen, von den Bergen und der Schönheit des großen Meeres. „Und dann,“ fuhr er fort, „fand ich gar nicht sehr weit von hier auf einer kleinen Insel, die Menschen nennen sie Barsoe, drei kleine Feen, die sehr einsam sind.“ Die Feen horchten auf. „ Die anderen Wesen des Waldes, wie Trolle und Schrate sind schon vor vielen Jahren fortgezogen. Aber weil es in ihrem Lande noch Lavendelnektar gibt, sind sie dortgeblieben und laden euch nun ein, sie einmal zu ihnen auf den Goldberg zu kommen und ein Fest mit ihnen zu feiern!“

Lavendelnektar? Lavendelhonig?“ riefen alle wie aus einem Mund, „oh, wie lecker der schmeckt! Es ist doch unsere Lieblingsspeise!“ Schon lange hatten sie etwas so Schönes schon nicht mehr gekostet, nur die alte, weise Haselfee besaß davon noch ein ganz kleines Töpfchen und wenn mal eine von ihnen etwas krank war, bekam sie ein Tröpfchen davon mit warmer Milch und wurde alsbald gesund. Also erhob sich ein großer Jubel unter den Feen, denn es sollte bald losgehen und wenn einer eine Reise machen will, ist es gut, sich vorzubereiten, damit die Reise gelingt. Sofort begann man, kleine Feengeschenke einzupacken; nur Elfenkind, die Trolle und Schrate blickten etwas traurig drein, denn ihnen ist es nicht vergönnt, fliegen zu können. Aber sie gönnten es den anderen und wünschten sich insgeheim, dass man ihnen etwas Lavendelhonig mitbringen würde.
Schnell war der große Tag gekommen und alle stellten sich in der Feenordnung auf. Denn wenn Feen fliegen, sieht es nicht nur sehr hübsch bunt aus, sondern es gibt auch eine uralte `Ordnung´: zuerst fliegen die großen Feen und erzeugen mit ihrem Flügelschlag einige Luftwirbel, die es den kleinen Feen möglich machen mitzuhalten. Den Schluss bilden wieder einige Großfeen, damit niemand auf der Reise verloren geht und jeder sich sicher fühlt. So kommen dann alle ob groß ob klein gleichzeitig wohlbehalten bei ihrem Ziel an, nicht wie bei den Menschen, die immer nur die ersten und besten sein wollen und die langsameren und schwächeren gerne zur Seite drängen.

Sie flogen etwa zwei bis drei Stunden und einige der kleinen Brombeerfeen und Rosenfeen durften sogar auf dem Rücken einer Lilienfee mitfliegen, weil sie sonst in das kalte Ostmeer gestürzt wären. Nach einer Weile erreichten alle die kleine Insel, deren einziger Berg, der Goldberg, weit über das Meer zu sehen war. Sie sahen sich erstaunt an, denn alles war schon vorbereitet: an der höchsten Stelle des Berges war ein Viereck aus Baumstämmen für die großen Feen errichtet worden, davor lagen viele Zweige und kleinere Äste für die weniger großen Feen. Das Schönste aber waren die vielen Töpfchen und Schälchen mit dem Lavendelnektar, die einladend auf kleinen weißen Deckchen standen. Am liebsten hätten alle sofort ihre Fingerchen hineingetaucht, aber wie es sich gehört, wurden erst einmal

die drei kleinen Feen begrüßt, Geschenke überreicht und dann konnte es so richtig losgehen: es wurde von alten Zeiten erzählt, gespielt, gesungen und viel Lavendelhonig geschleckt bis in die späte Nacht hinein.
Jeder wollte wenigstens einmal mit einer der drei kleinen Feen, die dort wohnen, tanzen bis sie alle ganz müde in dem kleinen Wäldchen am Fuß des Goldberges in den Schlaf sanken.

Und als am anderen Morgen die Sonne aufging, sahen sie das große Meer und die anderen Inseln um sie herum und verstanden, dass die drei kleinen Feen auf die Frage, warum sie nicht mit den anderen Feen und Elfen fortgezogen wären, geantwortet hatten:
„Es ist doch so schön hier!“

Ein wenig traurig machten sich alle für den Rückflug fertig. Traurig fragte auch eine der drei kleinen Feen: „Werdet ihr wiederkommen?“ Da strich ihr eine Haselfee über den Kopf und sagte: „Natürlich kommen wir wieder, denn wir haben euch doch lieb und wollen euch in diesen schweren Zeiten nicht alleinlassen!“ -“Und Lavendelnektar habt ihr auch!“ rief eine vorwitzige Rosenfee, die etwas davon eingepackt hatte, aber nicht für sich selbst, wie man jetzt vielleicht denken mag, sondern für Elfenkind.

Da freuten sich die drei kleinen Feen und winkten noch lange.

Die Sonne brach durch die Wolken
und die Kuppe des Berges erglühte in glänzendem Gold.

Und solltest du einmal dort oben auf dem Berge sein, sei hübsch leise,
dann hörst du vielleicht den Gesang der drei kleinen Feen.




©2003P.Eitner