Zusammenfassung
Paulus spricht ein erschütterndes Thema an: In der Gemeinde ist ein Fall sexueller Unmoral bekannt geworden, der sogar unter Nichtchristen als skandalös gilt – ein Mann lebt mit der Frau seines Vaters. Noch schwerer: Die Gemeinde reagiert nicht mit Trauer und Umkehr, sondern mit einer Art Selbstzufriedenheit.
Paulus handelt entschieden. Obwohl er räumlich abwesend ist, erklärt er, dass er die Sache im Namen Jesu beurteilt. Wenn die Gemeinde versammelt ist, soll sie den Betreffenden „dem Satan übergeben“ – also aus der schützenden Gemeinschaft herausstellen –, damit das Fleisch zugrunde geht und der Geist am Tag des Herrn gerettet werde. Ziel ist nicht Rache, sondern Rettung durch ein heilsames Erschrecken.
Dann verwendet Paulus das Bild vom Sauerteig: Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig. Darum sollen sie den alten Sauerteig ausfegen und als „ungesäuertes“ Brot leben. Begründung: „Denn auch unser Passahlamm ist geopfert: Christus.“ Darum soll die Gemeinde Fest feiern – nicht mit altem Sauerteig von Bosheit, sondern mit Lauterkeit und Wahrheit.
Zum Schluss klärt Paulus ein Missverständnis: Er meint nicht, dass Christen sich von allen Sündern der Welt trennen müssten – das wäre unmöglich. Gemeint ist der Umgang mit jemandem, der sich Bruder nennt und zugleich in offenem, hartnäckigem Unrecht lebt. Über die „Draußen“ richtet Gott; innerhalb der Gemeinde soll verantwortungsvoll gehandelt werden.
Theologische Interpretation
1. Korinther 5 zeigt eine Spannung, die im Evangelium zusammengehört: radikale Gnade und ernsthafte Heiligkeit. Gnade bedeutet nicht Gleichgültigkeit gegenüber Sünde. Gerade weil Christus uns teuer erkauft hat, ist die Gemeinde berufen, ein anderes Leben sichtbar zu machen. Paulus reagiert so scharf, weil Sünde nicht nur Privatangelegenheit ist: Sie verletzt Menschen, beschmutzt das Zeugnis der Gemeinde und verharmlost das Kreuz.
Die Formulierung „dem Satan übergeben“ klingt hart, ist aber theologisch als Grenzziehung zu verstehen: Wer bewusst und unbußfertig im Widerspruch zu Christus lebt, kann nicht gleichzeitig die volle Gemeinschaft als Schutzraum beanspruchen. Die Zucht hat ein Ziel: dass der Mensch zur Besinnung kommt. Paulus denkt heilsgeschichtlich: Der Tag des Herrn steht vor Augen. Kurzfristiger Schmerz kann langfristige Rettung dienen.
Der Sauerteig ist das Bild für die ansteckende Kraft des Unheils. Paulus sieht: Wenn die Gemeinde das Offensichtliche duldet, wird das Gewissen abgestumpft. Darum begründet er Ethik christologisch: Christus ist das Passahlamm. Wie Israel beim Passah den Sauerteig entfernte, so soll die Gemeinde in der Kraft des geopferten Christus „ungesäuert“ leben – nicht durch moralische Selbstrettung, sondern als Antwort auf Erlösung. Heiligkeit ist Frucht der Zugehörigkeit, nicht deren Voraussetzung.
Wichtig ist auch Paulus’ Unterscheidung zwischen „drinnen“ und „draußen“. Christliche Gemeinde ist kein Kontrollapparat für die Welt, sondern ein Bund von Menschen, die sich freiwillig unter Christus stellen. Darum gilt: missionarische Offenheit nach außen – und klare Verantwortung nach innen. Diese Ordnung schützt sowohl die Glaubwürdigkeit des Evangeliums als auch die Schwachen in der Gemeinde.
Bedeutung für uns heute
In den 2020er Jahren sind Christen oft zwischen zwei Ängsten gefangen: Entweder man fürchtet, als „hart“ zu gelten, oder man fürchtet, alles zu verwässern. 1. Korinther 5 hilft, beides zu überwinden. Paulus ruft nicht zu Skandalisierung auf, sondern zu Trauer, Klarheit und einem Prozess, der Heilung sucht. Das ist besonders wichtig in Fällen, wo Menschen wirklich verletzt wurden und Schweigen Täter schützt.
„Zucht“ klingt nach Vergangenheit, aber ihr Kern ist hochaktuell: Wie gehen wir mit offenem, unbußfertigem Verhalten um, das Gemeinschaft zerstört? Paulus’ Linie schützt die Gemeinde davor, Normalität mit Wahrheit zu verwechseln. Sie fordert zugleich, dass Korrektur nicht aus Ärger, sondern aus Liebe geschieht – mit dem Ziel, den Menschen zu gewinnen, nicht zu verlieren.
Das Bild vom Sauerteig erinnert: Kultur entsteht nicht nur durch große Entscheidungen, sondern durch geduldete Kleinigkeiten. Wenn Lüge, Zynismus, Machtmissbrauch oder sexuelle Doppelmoral „halt so“ werden, verändert sich der ganze Teig. Darum sind transparente Leitungsstrukturen, seelsorgerliche Begleitung und ein klarer Weg zur Buße und Wiederherstellung heute besonders wichtig.
Und doch bleibt die missionarische Offenheit: Paulus verlangt nicht, dass Christen sich aus der Welt zurückziehen. Wir leben mitten unter Menschen, die Gott noch nicht kennen. Aber in der Gemeinde soll sichtbar werden, dass Christus wirklich Herr ist – und dass Wahrheit und Barmherzigkeit sich nicht ausschließen.
Fazit
1. Korinther 5 ist unbequem, aber heilsam. Paulus schützt die Gemeinde vor Selbsttäuschung: Man kann sich nicht rühmen und zugleich das zerstörerische Unrecht ignorieren.
Heiligkeit ist keine kalte Strenge, sondern eine Form der Liebe: Liebe zu den Verletzten, Liebe zur Gemeinde, Liebe zum Sünder – und Liebe zu Christus, dem Passahlamm. Wo Buße möglich wird, kann selbst harte Korrektur zum Weg der Gnade werden.
Studienfragen