Zusammenfassung
Paulus spricht zuerst ein praktisches Ärgernis an: Christen bringen ihre Streitigkeiten vor weltliche Gerichte. Er fragt scharf, warum Gläubige, die einmal „die Welt richten“ werden, nicht fähig sind, alltägliche Dinge in der Gemeinde zu klären. Paulus ist nicht naiv – er weiß, dass Konflikte vorkommen –, aber er ist erschüttert, dass man lieber Recht haben will, als die Einheit zu schützen.
Er geht noch weiter: Manchmal wäre es besser, Unrecht zu erleiden, als dem Bruder durch Prozesse zu schaden. Denn bereits die Existenz solcher Rechtsstreitigkeiten ist ein Zeichen geistlicher Niederlage. Paulus nennt das Problem beim Namen: Manche tun Unrecht und betrügen – und zwar Brüder.
Dann weitet Paulus den Blick auf die Identität der Gemeinde. Er erinnert daran, dass Unrecht und bestimmte Lebensweisen nicht zum Reich Gottes passen. Doch er bleibt nicht bei einer Liste stehen, sondern setzt das Evangelium dagegen: „Und solche sind einige von euch gewesen; aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerechtfertigt worden im Namen des Herrn Jesus und durch den Geist unseres Gottes.“
Im zweiten Teil greift Paulus einen Slogan auf: „Alles ist mir erlaubt“ – und korrigiert ihn: nicht alles ist nützlich, und nichts soll mich beherrschen. Besonders wendet er das auf sexuelle Unmoral an. Der Leib ist nicht für Unzucht, sondern für den Herrn; unsere Leiber sind Glieder Christi. Wer sich mit einer Prostituierten verbindet, verbindet Christus mit ihr – ein ungeheuerlicher Gedanke. Paulus ruft: Flieht die Unzucht. Denn der Leib ist Tempel des Heiligen Geistes. Wir gehören nicht uns selbst; wir sind teuer erkauft. Darum sollen wir Gott mit unserem Leib verherrlichen.
Theologische Interpretation
Der erste Teil zeigt, dass das Evangelium auch unsere Konfliktkultur formt. Paulus argumentiert nicht nur pragmatisch („das wirkt schlecht“), sondern eschatologisch: Die Gemeinde hat eine kommende Berufung, darum soll sie jetzt schon in Gottes Maßstäben leben. Der Streit vor Gericht offenbart ein Herz, das mehr an Selbstbehauptung hängt als an Versöhnung. Paulus stellt dem die Logik des Kreuzes entgegen: Lieber Unrecht erleiden als Unrecht tun.
Der Abschnitt über Identität ist zentral: Paulus benennt Sünde klar, aber er verankert Veränderung nicht in Scham, sondern in Neugeburt. Abwaschen, Heiligung und Rechtfertigung beschreiben Gottes Handeln: Reinigung (Vergangenheit), Aussonderung für Gott (Gegenwart) und Zuspruch eines neuen Standes (Zukunftssicherheit). So entsteht Ethik aus Gnade: Nicht um angenommen zu werden, leben wir anders; weil wir angenommen sind, können wir anders leben.
Die Korrektur von „Alles ist mir erlaubt“ entfaltet eine christliche Freiheitslehre. Freiheit ist nicht grenzenlose Wahl, sondern Befreiung aus Herrschaften: aus Sünde, aus Begierde, aus dem Zwang, mich selbst zu definieren. Darum fragt Paulus: Nützt es? Beherrscht es mich? Diese Fragen sind geistlich, weil sie zeigen, wem wir dienen.
Besonders stark ist die Leibs-Theologie. Paulus widerspricht jeder Trennung von „geistlich“ und „körperlich“. Der Leib gehört zum Heil. Gott hat Christus auferweckt und wird auch uns auferwecken; darum ist der Körper nicht Wegwerfmaterial, sondern Schauplatz der Heiligung. Wenn der Heilige Geist im Gläubigen wohnt, wird der Leib zum Tempel: ein Ort der Gegenwart Gottes. Und der Satz „teuer erkauft“ verbindet Ethik mit dem Kreuz: Jesu Opfer begründet unsere Würde und unsere Verantwortung.
Bedeutung für uns heute
Auch heute geraten Christen leicht in Rechthaber-Logiken. Konflikte eskalieren über E-Mails, Gruppen-Chats, soziale Medien oder sogar juristisch. 1. Korinther 6 fragt: Was ist unser Ziel – Sieg oder Versöhnung? Natürlich gibt es Fälle, in denen Rechtsschutz nötig ist (z. B. bei Straftaten oder Schutz von Schwachen). Doch Paulus mahnt: Wo es um verletzten Stolz, Besitzfragen oder Machtspiele geht, ist die Gemeinde berufen, einen anderen Weg zu gehen: Wahrheit sagen, Verantwortung übernehmen, vermitteln, vergeben.
Der Abschnitt über Identität ist für unsere Zeit besonders heilend, weil viele Menschen sich entweder über ihre Fehler definieren oder sie komplett verharmlosen. Paulus tut beides nicht. Er sagt: „So wart ihr“ – und: „So seid ihr nicht mehr.“ Das schenkt Hoffnung für Veränderung, ohne die Vergangenheit zu beschönigen. In Seelsorge und Jüngerschaft kann das heißen: Schuld benennen, aber genauso klar die neue Wirklichkeit in Christus aussprechen.
Die Freiheitsfragen („nützlich“, „beherrscht“) passen in eine Kultur, die ständig „mehr“ verspricht: mehr Genuss, mehr Reiz, mehr Selbstbestimmung. Paulus’ Maßstab hilft, Abhängigkeiten zu erkennen – auch dort, wo sie gesellschaftlich akzeptiert sind (Pornografie, heimliche Affären, Konsum, digitale Sucht). Freiheit in Christus ist nicht weniger Freude, sondern tiefere Freude: eine, die nicht zerstört, sondern aufbaut.
Schließlich ist die Aussage „Euer Leib ist ein Tempel“ ein Gegenwort zu zwei modernen Extremen: Körperverachtung und Körpervergötzung. Der Leib ist weder unwichtig noch Gott. Er ist Gabe und Verantwortung. Darum kann Nachfolge ganz konkret werden: Grenzen setzen, Reinheit suchen, Heilung zulassen, Beziehungen ehren, und den eigenen Körper als Ort betrachten, an dem Gottes Gegenwart sichtbar werden darf. Das ist keine Moralkeule, sondern Würde: Du gehörst Christus.
Fazit
1. Korinther 6 verbindet Alltagskonflikte mit großer Theologie. Paulus zeigt: Evangelium prägt unsere Streitkultur, unsere Freiheitsentscheidungen und unseren Umgang mit dem Körper.
Die Leitlinie ist klar: Wir sind abgewaschen, geheiligt, gerechtfertigt – und teuer erkauft. Darum sollen wir nicht von Begierden, Stolz oder Rechthaberei beherrscht werden, sondern Gott verherrlichen: in Beziehungen, in Entscheidungen und auch im Leib.
Studienfragen