Zusammenfassung
Pharisäer und Schriftgelehrte kritisieren Jesu Jünger, weil sie mit „unreinen“ Händen essen, also ohne rituelle Waschungen. Jesus antwortet scharf: Sie ehren Gott mit den Lippen, doch ihr Herz ist fern; menschliche Traditionen haben für sie mehr Gewicht als Gottes Gebot. Als Beispiel nennt er die „Korban“-Praxis, durch die Menschen sich religiös herausreden und dennoch ihre Eltern nicht unterstützen. Danach lehrt Jesus die Menge: Nicht das, was von außen in den Menschen hineingeht, macht unrein, sondern das, was aus dem Herzen herauskommt. Er zählt zerstörerische Haltungen und Taten auf, die von innen entspringen. Anschließend geht Jesus in das Gebiet von Tyrus. Eine syrophönizische Frau bittet ihn inständig um Befreiung ihrer Tochter. Nach einem spannungsvollen Dialog, in dem sie beharrlich Glauben zeigt, hilft Jesus ihr: Das Kind ist befreit. Danach zieht Jesus durch die Dekapolis. Man bringt ihm einen Taubstummen mit Sprachstörung. Jesus nimmt ihn beiseite, berührt Ohren und Zunge, seufzt und spricht: „Ephphatha“ – „Öffne dich!“ Der Mann kann hören und reden, und die Leute staunen: Er hat alles wohlgemacht.
Theologische Interpretation
Markus 7 ist eine radikale Innenwende. Jesus verachtet nicht jede Tradition, aber er entlarvt Traditionen, wenn sie Gottes Herz verdecken. Wahre Frömmigkeit ist nicht zuerst korrektes Verhalten, sondern ein Herz, das Gott liebt und den Nächsten ernst nimmt. Darum ist Jesu Reinheitslehre so befreiend: Unreinheit ist nicht primär ein äußeres Problem, sondern ein inneres. Sünde kommt aus dem Herzen – und genau dort setzt Gottes Gnade an. Der Abschnitt mit der syrophönizischen Frau zeigt, wie weit Jesu Barmherzigkeit reicht: Heil und Befreiung sind nicht exklusiv für eine religiöse Elite, sondern für alle, die im Glauben zu ihm kommen. Ihr beharrliches Bitten ist kein „Verdienen“, sondern ein Festhalten an Jesu Güte. Die Heilung des Taubstummen ist ein Zeichen für Gottes neues Schöpfungshandeln: Jesus öffnet, was verschlossen ist. Er handelt dabei sehr persönlich und zart – nicht als Show, sondern als Wiederherstellung von Kommunikation und Beziehung.
Aktualisierung
Markus 7 passt erschreckend gut in die Gegenwart. In den 2020er Jahren wird Identität oft über Zeichen und Zugehörigkeiten verhandelt: Wer ist „drin“ und wer „draußen“? Auch in Kirche kann man sich an Stilfragen, Traditionen oder kulturellen Codes festbeißen und dabei Menschen verlieren. Jesus fragt: Dient das, was wir tun, wirklich der Liebe? Die Korban-Kritik trifft jede Form religiöser Selbstrechtfertigung, die Verantwortung für Eltern, Familie oder Schwache umgeht. Gleichzeitig fordert Jesu Herzensdiagnose heraus: Das größte Problem liegt nicht nur „da draußen“ (Politik, Medien, Gegner), sondern auch in mir. Das kann demütig machen und Versöhnung ermöglichen. Ansätze in die richtige Richtung sieht man dort, wo Gemeinden weniger um Perfektion kreisen und mehr um Integrität: ehrliche Beichte, transparente Leitung, Schutzkonzepte gegen Missbrauch, sowie diakonische Nähe zu denen, die keinen Platz finden. Gesellschaftlich erinnern die Geschichten mit der Heidin und dem Taubstummen daran, Barrieren abzubauen: kulturelle, sprachliche, soziale. In Wissenschaft und Medizin wachsen heute Möglichkeiten der Hör- und Sprachhilfe; doch wirkliche Teilhabe entsteht erst, wenn Menschen nicht auf ihr Defizit reduziert werden. Jesu „Ephphatha“ kann auch unser Gebet sein: Öffne uns für Wahrheit, für Mitgefühl und für Menschen, die wir sonst übersehen.
Fazit
Markus 7 verlegt den Schwerpunkt vom Außen nach innen. Jesus ruft weg von einer Religion der Fassade hin zu einem Glauben, der im Herzen beginnt und in Liebe endet. Er sprengt Grenzen, nimmt die Ausgeschlossenen ernst und öffnet das, was verschlossen ist. Wer ihm folgt, wird nicht nur sauberer, sondern wahrhaftiger – und dadurch freier.
Studienfragen