Rotrote Haare


 

 

Eine Geschichte von saron

Es gibt Wintertage, die sind grau und kalt. Der Wind weht die Blätter durch den Wald und jede Fee und jeder Troll verbirgt sich in seiner Höhle, stopft alle Ritzen voll mit Moos und altem Blattwerk, damit es warm und gemütlich ist. Kommt dann an einem dieser Wintertage einmal die Sonne heraus, freuen sich die Wesen des Waldes und treffen sich gleich zu Spiel und Tanz. Denn bei den Feen ist es wie bei den Menschen, sie sehnen sich in dunkler Zeit sehr nach einer fröhlichen Zerstreuung. So auch an diesem Jahreswechseltag: die Sonne lachte vom blauen Himmel und die Feen hatten ihre dicksten und wärmsten Kleider angezogen, die sie besaßen, und tanzten vergnügt mit Trollen und Schraten, die angesteckt von der allgemeinen Fröhlichkeit ganz vergessen hatten, dass sie eigentlich böse zu den Feen zu sein haben. Sie alle hatten sich auch nicht auf dem großen Versammlungs- und Marktplatz im Feenwald eingefunden, nein, sie vergnügten sich oberhalb des Weges, der am Meer entlangführt, mit allerlei Spielen wie „Feelein in der Grube“ oder „Trollwerfen“. Nicht dass ihr denkt, dass dabei Trolle geworfen werden, nein, man muss nur werfen wie ein Troll, das heißt, man wirft, indem man dabei mit beiden Beinen nach oben springt.

Das sieht sehr lustig aus, wenn die Hasel- und Brombeerfeen, die Lilien-, die Wiesen- oder die Glasfeen und all die anderen in die Luft springen und dabei versuchen, etwas über den Weg in das Meer zu werfen. „Seht mal! Seht nur mal!“, rief plötzlich ein älterer Troll und alle schauten zum Weg hinunter. Dort führte ein Mädchen mit leuchtend roten Haaren einen Hund spazieren. Mal lief sie, mal der Hund voraus. „Ein Mädchen mit rotroten Haaren, so etwas habe ich ja noch nie gesehen!“, rief ein anderer Troll, der wohl dachte, dass rotrot noch roter als rot ist. „Wichtig tun will sie sich mit ihren Haaren.“ ,murmelte ein alter Schrat, „Menschenmädchen haben nicht solche Haare!“ - „Vielleicht schämt sie sich so, dass ihre Haare ganz rot geworden sind!“ , spottete ein anderer und so ging es fort, denn bei den Trollen ist es wie bei den Menschen, was sie nicht kennen, wird zunächst verspottet oder beschimpft, weil man sich keine Mühe machen möchte, den Grund dafür zu erkennen.

Da schlug der Hund an. Neugierig schauten die Feen und Trolle zum Weg hinunter und trauten ihren Augen nicht: sie erblickten einen kleinen grünen Waldtroll, der mit einem Fuß unter einem der Steine, die am Meer lagen, eingeklemmt war und die Wellen reichten ihm schon bis zur Brust. Da der Wind noch zunahm, drohte er zu ertrinken, wenn er nicht vorher erfrieren würde. Da stieg das Menschenmädchen mit den rotroten Haaren vom Weg hinunter auf die Steine und während ihr Hund winselnd hin und her lief, befreite sie den kleinen Troll aus seiner misslichen Lage und setzte ihn vorsichtig auf ein Moospolster. Zutiefst erschrocken sahen sich die Feen und Trolle an. „Sie kann uns sehen, wir sind verloren!“ ,riefen sie und schlugen sich gleich heftig auf den Mund, denn vielleicht konnte das Mädchen auch sie hören? Denn Menschen können Feen und Trolle nicht sehen, nur kleine Kinder und solche, die mit dem Herzen sehen, können das. Das Menschenmädchen mit den rotroten Haaren war aber kein Kind mehr und sie hatte den kleinen Troll nicht in ihrem Herzen, sondern in der ganz richtigen Wirklichkeit gesehen. „Unsere Welt ist zerstört, das Unheil ist da!“ , flüsterten zwei Bergtrolle.
E
nige glauben immer gleich an den Untergang der Welt, wenn einmal etwas Außergewöhnliches geschieht und sie wiegeln die anderen auf, anstatt sie zu beruhigen.

Da kam Elfenkind aus der Tiefe des Waldes, die alle Gesetze des Waldes kennt und beachtet, und sofort stürmten die Feen und Trolle auf sie ein und erzählten aufgeregt, was geschehen war. Elfenkind hörte geduldig zu, strich dann einem kleinen aufgeregten Troll liebevoll über den Kopf. „Ihr törichten Trolle,“ , sagte sie leise, „wisst ihr denn nicht, dass vor Hunderten von Jahren Menschen und Feen zusammengelebt haben und Kinder hatten? So gibt es einige Menschen, die noch ein wenig Feenblut in sich tragen, und die können dann und

wann eine Fee oder einen Troll sehen.“ - “Aber woran erkennt man solche Menschen?“ , fragte ein Zwergentroll. „An den rotroten Haaren zum Beispiel“ , erwiderte Elfenkind und ging lächelnd ihrer Wege.

Der kleine gerettete Waldtroll aber rieb sich den schmerzenden Fuß. „Danke, danke, liebes Menschenmädchen“ , stotterte er und wäre gerne fortgelaufen, war ihm die ganze Sache doch nicht ganz geheuer. „Ich musste dir doch helfen, kleiner Troll, denn ich habe noch nie etwas so Niedliches wie dich gesehen und ich habe dich doch lieb“ , meinte das Mädchen.
„Danke noch mal für alles!“ , rief der Troll, lief über den Weg und verschwand im Laub des alten Jahres.

Denn Schmerzen vergehen schnell, wenn man etwas Liebes hört.

Und helfen muss man jedem, sei er nun ein Waldtroll oder
ein Menschenmädchen mit rotroten Haaren
.

 


















© 99 P. Eitner (Text)


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